Offener Brief an die Landesregierung Schleswig-Holstein

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Offener Brief an die Landesregierung Schleswig-Holstein

25. März 2020 Allgemein 0

In dem Bewusstsein, dass wir alle im selben Boot sitzen und alle Branchen und Berufe gleichermaßen betroffen sind, haben wir für unsere Branche und unsere Kollegen einen Brief geschrieben.

An den Ministerpräsidenten
des Landes Schleswig-Holstein
Herrn Daniel Günther

An die Ministerin für Bildung,
Wissenschaft und Kultur des
Landes Schleswig-Holstein
Frau Karin Prien

An den Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit,
Technologie und Tourismus
des Landes Schleswig-Holstein
Herrn Dr. Bernd Buchholz

Mittwoch, 25. März 2020

Die Corona-Krise und ihre sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Sehr geehrter Ministerpräsident Günther,
Sehr geehrte Ministerin Prien,
Sehr geehrter Minister Dr. Buchholz,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen und der gesamten Landesregierung für Ihre wohl überlegte und klare Arbeit in dieser Krise bedanken. Wir alle brauchen jetzt klare Ansagen und Perspektiven, soweit dies überhaupt möglich ist.

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Schleswig-Holstein. Fast 99 % aller Unternehmen in Schleswig-Holstein sind kleine und mittlere Unternehmen. Den Unternehmen, die davon im Tourismus arbeiten, ist von Heute auf Morgen nach der jährlichen Durststrecke im Winter die erste Hauptsaison weg gebrochen. Allen Unternehmen, die im Bereich der Schulfahrten und Klassenreisen arbeiten, haben bis zum Sommer komplett sämtliche Geschäftsgrundlage verloren.
Wir dachten immer, gut aufgestellt zu sein, da wir im touristischen und pädagogischen Jugend- und Erwachsenenbereich arbeiten. Nun werden wir gerade etwas Besseren belehrt.
Schulen stornieren ihre Klassenfahrten, Betriebe ihre Team-Trainings, Touristen dürfen nicht mehr beherbergt werden und Aktivitäten dürfen nicht mehr durchgeführt werden.
Sie haben unser hundertprozentiges Verständnis für diese Entscheidung und diese Maßnahmen.
Kostenfreie Stornierung ist klar auf der Homepage des Landes kommuniziert:
Mit dem offiziellen Beherbergungsverbot ist es dem Gast nicht mehr länger möglich zu bleiben oder anzureisen. Dem Gast können somit keine Stornokosten in Rechnung gestellt werden.
Für den Gastgeber bedeutet dies, dass dieser zunächst auf die Umsätze komplett verzichten muss.

Der Gast ist König. Aber was ist dann der Gastgeber, der kleine Unternehmer?

Im weiteren Verlauf deuten Sie an, dass ein Hilfsfonds für touristische Betriebe des Landes noch durch das Land geprüft werden muss.
Ich kann Sie nur bitte, sich damit zu beeilen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass es gerade alles sehr komplex und schwierig ist. Die kleinen Betriebe werden keine zwei Monate komplett ohne Umsätze überstehen. Diese starten alle mit einem sehr dünnen Polster in die neue Saison, da sie den Winter nutzen, um zu renovieren und auszubessern, neue Angebote zu entwickeln, damit in der Saison alles bestens läuft.

Klassenreisen und Schulausflüge sind ein wichtiger Bestandteil im Schulalltag und in der Entwicklung junger Menschen. Das diese jetzt in dieser Situation abgesagt werden müssen, ist selbstverständlich. Aber ist man mit der Stornierung aller Klassenreisen bis zum Sommer und in einigen Bundesländern ja anscheinend schon für ganze Kalenderjahr, nicht etwas über das Ziel hinausgeschossen? Wie wird das hier mit den Stornokosten geregelt? Einige Lehrer erwarten, dass wir die Stornorechnung direkt an ihr Ministerium senden, Frau Ministerin Prien. Dass dies nicht der Weg sein kann, ist uns klar.
Aber welches ist ein Weg?

Alle Klassenreisen und Schulausflüge -nicht nur erlebnis- oder wildnispädagogische Klassenveranstaltungen- sind eine wichtiger Bestandteil für die Entwicklung der Sozialkompetenz der jungen Menschen. Als ich selbst noch zur Schule ging, haben die Lehrer mit uns auf den Klassenfahrten ein Programm gestaltet. Dies hat sich aus unterschiedlichen Gründen in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Für Aktionen und Programm holt man sich jetzt externe, professionelle Anbieter, die als Garant für die physische und psychische Sicherheit der jungen Menschen haften. Durch diese Veränderung haben sich viele professionelle -in Angebot und Größe unterschiedliche- Anbieter in Schleswig-Holstein etabliert.
Ich möchte hier ganz bestimmt keine Diskussion über das Bildungssystem aufwerfen, das ist hier nicht der richtige Zeitpunkt. Ich möchte aber dennoch darauf hinweisen, dass diese Anbieter einen wichtigen Teil zu der Entwicklung unserer Jugendlichen beitragen.
Dies bedeutet nicht, das ich die Arbeit der engagierten und gerade in dieser Phase der Corona Krise zum Teil sehr kreativen Lehrer in den Schatten stellen möchte.
Ein schöner Blumenstrauß lebt nicht nur von den Blumen, sondern auch von den Gräsern, die mit in den Strauß gebunden werden.
Auch eine Klassenreise ist eine wichtige Investition in Zukunft unserer Landes, da es eine Investition in die zukünftigen mündigen Bürger unseres Landes ist.
Die Wissenschaft belegt in unterschiedlichen Studien, wie wichtig die Ausbildung und Förderung von Sozialkompetenz ist.
Diese vielen bunten Anbieter im Bereich der Klassenreisen werden die Krise nicht überstehen, wenn ihnen bis zum Sommer oder im schlimmsten Fall bis zum Ende 2020 die Grundlage ihrer Arbeit entzogen wird.
Abgesehen davon wäre es in meinen Augen wichtig für die Schülerinnen und Schüler, nach der Phase des sozialen Rückzuges in den Kreis der Familie (durchaus ein positiver Effekt- den ich zu schätzen weiß!) wieder mit Gleichaltrigen gemeinsam zu reisen. Es muss keine Auslandsreise sein, man kann auch die eigene Heimat gemeinsam erleben und nach Perlen vor der eigenen Haustür tauchen.
Ich bitte zu überdenken, ob eine rigorose Absage aller Klassenreisen und Schulausflüge für unsere Kinder und Jugendlichen nach Phase der Pandemie wirklich eine zielführende Anweisung ist.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass wir alle Entscheidungen und Einschränkungen im Rahmen mit der Krise akzeptieren und umsetzen. Wir wollen, dass wir als Gemeinschaft in Schleswig-Holstein mit möglichst wenig Opfern kontrolliert und sicher durch dieses Fahrwasser kommen.
Dennoch bitte ich Sie, schnell eine Lösung zu finden. Der Wirtschaftszweig Tourismus, zu dem ich hier auch die Klassenreisen und aktive Angebote für Gäste zähle, ist in Schleswig-Holstein deswegen so bunt und facettenreich, weil es so viele kleine und spezialisierte Anbieter gibt.
Keiner kann etwas für diese Situation.
Es ist jetzt nicht zielführend darüber zu debattieren, was man hätte anders machen können. Das steht mir auch nicht zu, da ich nicht Ihren vielschichtigen, vernetzten Blick auf die Angelegenheit habe.
Die Bürger und Bürgerinnen des Landes Schleswig-Holstein stehen hinter Ihrer Regierung. Bitte lassen Sie die bunten Vögel in diesem Land nicht fallen. Im Moment sind die bunten Vögel nicht systemrelevant, sie können und sollten es aber nach der Krise sein.

Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Kraft und Energie. Für die nächste Zeit. Sie werden die richtigen Entscheidungen treffen.
Bitte bleiben Sie gesund.

Mit respektvollen Grüßen
Günther Hoffmann

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